Nullzins- und Negativzinspolitik aus makroökonomischer Sicht

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Nach den Auswirkungen der Nullzins- und Negativzinspolitik aus Anlegersicht gehe ich heute auf die makroökonomische Sicht ein.

Stabilität des Finanzsystems

Zentralbanken wurden ursprünglich gegründet, um die Stabilität des Finanzsystems zu verbessern.

Wenn beispielsweise eine Bank (aus welchen Gründen auch immer) in schlechten Ruf geriet, rannten die Kunden zur Bank, um ihr Geld abzuheben. Einem solchen “Bankrun“ ist auch eine solvente Bank nicht gewachsen. Wenn sie einen grossen Teil ihrer Anlagen längerfristig gebunden hat (z.B. Hypothekenausleihungen), kann sie den Auszahlungswünschen der Kunden nicht nachkommen.

Hier nun sollten die Zentralbanken einspringen. Solventen d.h. zahlungskräftigen, nicht-überschuldeten Banken sollten die Zentralbanken kurzfristig Liquidität zur Verfügung stellen. Dies gegen Sicherheiten und einen Preis in Form eines Zinses, den die illiquide, aber nicht insolvente Bank zu zahlen hat.

Konjunkturankurbelung

Solange die Zinsen, welche die kurzfristig illiquiden Banken der Zentralbank zu zahlen haben, relativ hoch sind, so lange wird die Liquidität wieder an die Zentralbank zurückfliessen, wenn der Liquiditätsengpass der Bank vorbei ist. Nur wenn die Kunden noch höhere Zinsen zu zahlen bereit sind, wird die Liquidität im Markt bleiben. Je tiefer der von der Zentralbank verlangte Zins, desto eher wird die Bank das Geld an Kunden ausleihen und damit Investitionen ermöglichen. Je höher der Zentralbankzins, desto restriktiver die Geldpolitik.

Wieso also nicht einfach Gas geben?

Wieso also soll eine Zentralbank nicht einfach immer Gas geben, sprich die Zinsen möglichst tief ansetzen? Lange galt v.a. die Inflation als Schreckgespenst und Hauptgrund gegen eine masslose Geldmengenausweitung.

Inflation bedeutet, dass die Kaufkraft des Geldes abnimmt. Sie ist sozusagen der Preis für die Schaffung von Währung ‚aus dünner Alpenluft’, wie der amerikanische Publizist James Grant kürzlich in einem Interview mit der Finanz und Wirtschaft schrieb. Gemäss herkömmlicher Theorie sollte die Schaffung von Währung quasi per Computertastendruck der Wirtschaft Schub geben, die erst deutlich später folgende Geldentwertung zeigt dann den Preis. Die Kaufkraft nimmt ab, mit der gleichen Menge Geld können Sie sich weniger kaufen.

Die meisten Zentralbanken haben sich deshalb ein Inflationsziel gesetzt. Die Europäische Zentralbank bspw. hat ihr Inflationsziel als „auf mittlere Sicht nahe aber unter 2%“ konkretisiert.

Ein zweites Problem mit der masslosen Geldmengenausweitung sind Fehlinvestitionen. Erst wenn diese kollabieren, zeigt sich auch hier das Ausmass der zerstörerischen Kraft.

‚Gratis’geld zusammen mit quasi grenzenloser Liquidität sind der beste Nährboden für Fehlinvestitionen.

Inflation? Wir haben doch gar keine Inflation?

„Gerade in der Schweiz haben wir aber doch gar keine Inflation. Auch in einigen europäischen Ländern ist die Inflation negativ. Die Geldmengenausweitung ist also doch gratis… oder nicht?“

Bisher ist die Inflation gemessen am Konsumentenpreisindex tatsächlich vielerorts im Nullbereich in den letzten Jahren. Für den einfachen Konsum fehlt bislang tatsächlich die teure Rechnung für die Geldmengenausweitung der letzten 5-10 Jahre.

Sollten Sie aber darüber nachdenken, ein Haus zu kaufen, sieht die Beurteilung vermutlich anders aus: Preise für Vermögensgüter wie Bauland, Liegenschaften oder auch Aktien sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Die Inflation hat bislang also nicht bei den Konsumgütern, dafür aber umso mehr bei den Vermögensgütern zugeschlagen.

Wer hat also davon profitiert? Sicher einmal die Vermögenden, sofern Sie denn einmal ihre Assets zu höheren Preisen verkaufen. Thomas Picketty wurde berühmt und auch vielfach kritisiert für sein Buch „Capital in the 21 century“, wo er sich mit Vermögenskonzentration und Vermögensverteilung auseinandersetzt und die zunehmende Vermögens- und Einkommensungleichheit kritisiert.

Hat auch die Realwirtschaft von der extrem expansiven Geldpolitik profitiert?

In der Finanzkrise wurde mit unkonventioneller Geldpolitik (Quantitative Easing 1) das Finanzsystem wohl tatsächlich stabilisiert und ein Absturz in die Deflation verhindert.

Mittlerweile dämmert es immer mehr Beobachtern, dass die Fortsetzung der extrem expansiven Geldpolitik (QE2, QE3, …) und die versuchte andauernde Stimulierung der Realwirtschaft nicht funktioniert hat.

Natürlich zeigen sich Verbesserungen: der Arbeitsmarkt ist bspw. vielerorts besser. Als BottomLine für die gesamte Wirtschaftsleistung wird meist auf das Gross Domestic Product GDP verwiesen. Im Nachgang der Finanzkrise haben wir die schwächste Erholung des GDP seit diese Daten erhoben werden. Und dies notabene trotz erhofftem Rückenwind durch riesige Staatsdefizite und extrem expansive Geldpolitik.

„Die Weltwirtschaft stolpert weiterhin vor sich her, und das nicht trotz, sondern gerade wegen der radikalen Eingriffe der Zentralbanken.“

 

— James Grant

Natürlich können alternative Geschichtsverläufe nicht definitiv bewiesen oder widerlegt werden, dennoch wagen immer mehr Experten die Aussage: unkonventionelle Geldpolitik als Krisenmassnahme ja, als Konjunkturankurbelung aber hat sie versagt.

Braucht es einfach mehr? Oder einen anderen Ansatz?

Es gibt verschiedene Anhänger, die fordern, die Zentralbanken seien nach wie vor nicht extremistisch genug. Da die unkonventionellen Massnahmen bisher nicht funktioniert hätten,  müssten sie einfach noch mehr machen, „more of the same“.

Andererseits gibt es lauter werdende Stimmen, die einen anderen Ansatz fordern. Weil die empirischen Daten der konventionellen Theorie immer mehr widersprechen, tauchen neue Theorien und Modell auf. Die so genannten Neo-Fisherianer gehen davon aus, dass höhere Nominalzinsen die Inflation erhöhen würden.

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