Nullzins- und Negativzinspolitik aus Anlegersicht

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Viele Zentralbanken weltweit drücken die Zinsen in den letzten Jahren immer weiter nach unten. Wer vor Jahren noch Obligationen mit z.B. 4% Rendite kaufen konnte, muss heute froh sein, wenn er überhaupt noch eine Rendite für sein Geld bekommt.

Was vor einigen Jahren als undenkbar galt, ist heute in einigen Währungen Realität: Negativzinsen! In diesem ersten Teil gehe ich auf die Nullzins- und Negativzinspolitik aus Anlegersicht ein, im zweiten Teil aus makroökonomischer Sicht.

Was heisst Negativzinsen?

Sie geben Ihrem Nachbar eine 1000er Note und machen ab, dass er seine Schuld in einem Jahr tilgt. Und tatsächlich kommt der Nachbar ein Jahr später zu Ihnen und zahlt seine abgemachte Schuld ab: er gibt Ihnen 950 Franken, Sie sind quitt. Absurd?

Wie ist das möglich?

Moment mal, wer sollte so etwas tun? Nun, Sie können Ihrem Nachbar natürlich freiwillig eine 50er Note schenken wollen, aber sonst? Wieso sollte irgendjemand Geld ausleihen, mit der Garantie, weniger zurückzuerhalten? Wieso sollte Ihre Pensionskasse einem Schuldner Geld geben, wohl wissend, dass diese (und damit auch Sie) weniger zurückerhält?

Treibende Kraft hinter diesem Phänomen sind die Zentralbanken selber, welche milliardenweise Staatsanleihen und teilweise auch Unternehmensanleihen kaufen und damit deren Preise nach oben und die Renditen nach unten und immer mehr auch ins Negative treiben.

Ihre Pensionskasse hat nun ein Problem: kauft sie solche Obligationen, hat sie einen garantierten Verlust. Wenn nicht, hat Sie Geld auf ihrem Konto, das aber bei grossen Beträgen ebenfalls mittlerweile mit Negativzins belastet wird.

Ausweichen auf Aktien? Immobilien? Gold? All dies scheint zu passieren, löst aber nicht das Grundproblem: Ihre Pensionskasse hat einen garantierten Verlust auf ihren Zinsanlagen.

Bargeld-Auszahlung

Die Möglichkeit der Bargeld-Auszahlung führt zu einer Art natürlichen unteren Grenze der Zinsen.

Ein Ausweg wäre, das Geld bar zu beziehen. Dies führt aber zu weiteren Fragen und Kosten: wie soll das Bargeld gelagert werden? Wie kann Ihre Pensionskasse das Diebstahl- bzw. Verlustrisiko minimieren oder versichern? Auch dies ist also nicht ganz gratis. Dennoch: Die Möglichkeit der Bargeld-Auszahlung führt zu einer Art natürlichen unteren Grenze der Zinsen.

Versicherer wie die Münchner Rück, Banken wie die Commerzbank und eben auch Pensionskassen haben öffentlich gesagt, dass sie diese Variante prüfen und in bisher beschränktem Umfang testen. Andere Grossinvestoren werden dies wohl ebenfalls tun, es aber nicht an die grosse Glocke hängen. Die Zentralbanken haben es nicht gern, wenn ihr Handlungsspielraum eingeschränkt wird – und Bargeld tut das.

Bargeld-Abschaffung?

Ohne Möglichkeit der Bargeldauszahlung hingegen werden Sie gezwungen, Negativzinsen zu zahlen.

Die Verfechter der extrem lockeren Geldpolitik sind deshalb massiv beunruhigt und verärgert über Bargeld. Die Nullzinsgrenze bzw. die Grenze der Bargeld-Lagerkosten ist mittlerweile erreicht.

Kein Wunder, dass immer mehr Vorschläge zu hören sind, das Bargeld generell abzuschaffen. Der Deckmantel heisst ‚Geldwäschereibekämpfung’, gemeint ist aber die Möglichkeit der Verschärfung der Negativzinspolitik.

Ohne die Alternative Bargeld spricht nichts mehr gegen Negativzinsen von -5% (wie in obigem Beispiel) oder -10%. Und hier hat es nicht nur indirekt (über Ihre Pensionskasse) sondern direkt für jeden von uns Auswirkungen. Wenn morgen Ihre Hausbank einen Negativzins von -1% einführt, können Sie Ihr Konto kündigen und Ihr Geld beziehen.

Ohne Möglichkeit der Bargeldauszahlung hingegen werden Sie gezwungen, Negativzinsen zu zahlen. Egal wie negativ und auch egal ob Sie zu einer anderen Bank wechseln, denn auch dort wird es Negativzinsen geben.

Der extreme Schritt der Bargeldabschaffung steht heute aber noch im Gegenwind. Es wird deshalb vorerst ausgewichen auf neue oder höhere Hürden für die Bargeld-Lagerung: Maximalbeträge für Bargeldtransaktionen, administrative Hürden, Abschaffung grosser Noten etc.

Was tun? Was nicht?

Lassen Sie sich von einem hohen Kontosaldo allein nicht zu stark zu unüberlegten Investitionen drängen.

Wenn Sie Ihr Vermögen selber verwalten (oder auch via einen seriösen Vermögensverwalter) klären Sie als Erstes Ihre Riskofähigkeit und Risikoneigung ab. Wenn Ihr Riskoprofil sagt, dass Sie als langfristige Richtschnur bspw. 10% Liquide Mittel, 50% Obligationen, 35% Aktien und 5% andere Anlagen investieren sollten, so gilt diese Richtschnur nach wie vor.

Das Problem allerdings ist, dass Sie bei Franken-Obligationen faktisch keine Anlagen mehr tätigen können, ohne Negativzinsen in Kauf zu nehmen. Spätestens nach Bankkosten wie Courtage und Depotgebühren ist Ihre Rendite selbst bei mittelmässiger Bonität und längeren Laufzeiten oft negativ. Es gibt also genügend gute Gründe, keine Obligationen mehr zu kaufen.

Ihr Depot sieht dann mit der Zeit immer mehr so aus: 5% andere Anlagen, 35% Aktien, 60% Liquide Mittel. Ich wiederhole: 60% Liquide Mittel! Macht das wirklich Sinn? Wenn Ihr Risikoprofil richtig abgeklärt wurde, dann eigentlich ja (abgesehen vom Klumpen beim Bonitätsrisiko Ihrer Hausbank).

Dennoch juckt es immer mehr, irgendwelche Investitionen zu tätigen, je mehr Geld auf dem Konto steht. Der psychologische Druck für Anlagen in Immobilien, Aktien, Gold, strukturierten Produkten und anderen Anlagezertifikaten nimmt zu. Die Tiefzinspolitik der Zentralbanken drängt Sie und alle anderen Anleger damit vermehrt in Risikoanlagen.

So lange diese Anlagen im Wert steigen, ist das kein Problem. Erst wenn sich das Risiko in Kursverlusten zeigt, zeigt sich auch, ob Sie Ihre Risikofähigkeit richtig eingeschätzt haben. Ein gewisses ‚kollektives’ Ausweichen auf alternative Investitionen ist im Markt sichtbar.

Lassen Sie sich von einem hohen Kontosaldo allein nicht zu stark zu unüberlegten Investitionen drängen.

Im Übrigen gilt es zu beachten, dass selbst zinsloses Cash in Schweizer Franken in den letzten Jahren nicht an Kaufkraft verloren hat, zumindest aus Konsumentensicht. Mehr zu diesem Thema und weiteres zu Nullzins- und Negativzinspolitik aus makroökonomischer Sicht dann im zweiten Teil.

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