Finanzmarktbericht Q2 2026

Rückblick

Nach dem eher schwachen ersten Quartal im Umfeld des von Trump gestarteten Irankriegs legten die meisten Aktienmärkte im zweiten Quartal wieder recht deutlich zu. Nach dem ersten Halbjahr liegen der DAX mit +2%, der SMI mit +6% und v.a. der S&P 500 mit +9% ganz ansehnlich im Plus:
SMI vs DAX vs SP500Bei den Währungen gab es eher wenig wenig Veränderungen: der Euro steht zum Franken minim tiefer, der US Dollar leicht im Plus.

Die extrem starke Kursanstieg von Gold wurde gestoppt und teilweise umgekehrt. Der Goldpreis hat dieses Halbjahr in Franken gerechnet etwa 7% verloren.

 

„Der künstliche Gewinnboom“

Der eine oder andere aufmerksame Leser mag sich an den nachfolgenden Text erinnern. Wir haben ihn als einen unserer Ratgeberartikel schon in der lokalen Zeitung publiziert. Wir zitieren diesen erneut an dieser Stelle, denn unserer Meinung nach beschreibt der erwähnte Artikel die aktuelle euphorische Marktstimmung und warum diese nicht gerechtfertigt ist, sehr gut. Wenn diese für uns plausible Einschätzung zutrifft, dann ist sie extrem relevant für die künftige Entwicklung der Aktienmärkte.

Die Schlagzeilen zum Irankrieg ändern quasi täglich. Schon gefühlt zehnmal hat der Krieg geendet, andere zehnmal eskaliert. Unter all diesen Noise-Schlagzeilen dauert der Krieg nun schon 4 Monate an. Noch ist nicht so richtig klar, ob er nun fertig ist oder nicht. Der US Aktienmarkt hat anfänglich angesichts der Unsicherheiten temporär korrigiert, doch mittlerweile rennt er trotz hohen Oelpreisen und andauerndem Krieg unbeeindruckt von Rekordhoch zu Rekordhoch.

Als Begründung werden die beeindruckenden Gewinnanstiege genannt. Tatsächlich, für 2026 geht Factset von über 20% höheren Gewinnen (!) beim S&P500 im Vergleich zu 2025 aus, hauptsächlich getrieben durch die gigantischen Investitionen im KI-Bereich.

Wir haben dazu eine Analyse des Fondsanbieters Quantex gelesen mit dem Titel „Der künstliche Gewinnboom“. Gemäss Quantex ist der Gewinnboom am US-Aktienmarkt zu einem grossen Teil eine buchhalterische Illusion, getrieben von den massiven KI-Infrastruktur-Investitionen der Hyperscaler (Amazon, Google, Meta, Microsoft, Oracle). Während die ausgewiesenen Gewinne Rekordwerte erreichen, brechen die freien Cashflows der Tech-Giganten ein.

Was sind die wichtigsten Kernaussagen? Wir halten die Analyse für sehr plausibel und rational begründet, aber urteilen Sie selber:

Buchhalterische Illusion statt echter Gewinne: Die Hyperscaler investieren 2026 über 600 Mrd. USD in Datenzentren. In der Erfolgsrechnung werden diese Investitionen über Jahre abgeschrieben (z.B. 6 Jahre für Chips), sodass nur ~100 Mrd. als Aufwand erscheinen. Nvidia und andere „Schaufelverkäufer“ verbuchen die 600 Mrd. als Umsatz mit ~50% Nettomarge (~300 Mrd. Gewinn). Netto entstehen so mit einem Pinselstrich ~200 Mrd. mehr Buchgewinne.

Gewinne rauf, CashFlows runter

Free Cashflow bricht ein, Gewinne steigen: In der Mittelflussrechnung ist das investierte Geld dagegen sofort weg. Der freie Cashflow der fünf Hyperscaler ist um über 70% eingebrochen, bei Amazon und Oracle ist er bereits negativ. Amazon wies im Q1 2026 einen Gewinn von 30 Mrd. aus, aber der Free Cashflow stürzte auf negative 18 Mrd. ab — das „profitable“ Unternehmen muss weiter Schulden aufnehmen.

Zirkuläre Wertschöpfung: Nvidia investierte 30 Mrd. in OpenAI. Amazon, Google, Microsoft und Nvidia haben über 100 Mrd. in private KI-Startups (OpenAI, Anthropic) investiert. Diese kaufen damit Rechenleistung und Chips bei denselben Investoren zurück.

Private Verluste, öffentliche Gewinne: Die grossen KI-Firmen OpenAI und Anthropic sind derzeit unprofitabel, aber privat. Ihre gigantischen Verluste erscheinen nicht in den Börsenindizes, während ihre Ausgaben direkt als Einnahmen bei S&P500 Unternehmen anfallen.

Sogar Aufwertung trotz grossen Verlusten: hier ein ungeändertes Zitat aus der Quantex-Analyse: „Doch es kommt noch absurder: Weil die Anleger am Privatmarkt derzeit die Aktien der führenden KI-Firmen OpenAI und Anthropic nach oben bieten, können die Investoren darauf ständig Aufwertungsgewinne verbuchen. In Amazons Gewinn für das erste Quartal von 30 Milliarden Dollar steckte zum Beispiel ein Aufwertungsgewinn von 16 Milliarden auf Amazons Beteiligung an Claude-Betreiber Anthropic.“

Historische Parallele zur Tech-Blase: Die Situation erinnert an den Telecom- und Glasfaser-Boom der späten 1990er Jahre. Damals gingen Lucent und Nortel Networks pleite, weil sie wackeligen Startups den Einkauf vorfinanziert hatten. Nvidia hat ähnliche Rücknahmeverpflichtungen gegenüber seinen Chip-Käufern.

Fazit

Der vielzitierte Gewinnboom beruht wesentlich auf einer Buchhaltungsillusion. Wir Anleger sollten uns fragen, ob mit KI-Modellen so viel Geld verdient werden kann, dass sich all diese riesigen Investitionen rentabilisieren — im vierten Jahr nach ChatGPT sieht es nicht danach aus. KI Modelle scheinen austauschbar und tendenziell gratis zu werden. Auch die Hälfte des ausgewiesenen US-Wirtschaftswachstums ist inzwischen auf den KI-Investitionsboom zurückzuführen, während Investitionen ausserhalb dieses Bereichs rückläufig sind. Von Trumps versprochener Renaissance des US-Industriesektors fehlt jede Spur.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.